Jakob Mauss
Analyse kompositionaler Modelle durch Serien-Parallel-Stern
Aggregation
DISKI Dissertationen zur Künstlichen Intelligenz 183, ISBN 3-89601-183-9, infix-Verlag, Sankt Augustin, 1998.
Kurzfassung
Diese Dissertation beschreibt ein Verfahren, mit dem Datenverarbeitungsprogramme
automatisch erzeugt werden können, die eine bestimmte Klasse von technischen
Diagnoseproblemen lösen. Als Anwendungsfeld wurde hier die Diagnose
von Fehlern in Straßenfahrzeugen gewählt. Das Werkstattdiagnose-Szenario
wird zunächst ausführlich untersucht. Dabei wird schließlich
die Klasse von Diagnoseproblemen bestimmt, deren automatisierte, modellgestützte
Behandlung erfolgversprechend erscheint. Dies sind Probleme, zu deren Lösung
Modelle ausreichen, die so einfach sind, daß sie mit wirtschaftlich
vertretbarem Aufwand erstellt werden können. Solche Modelle lassen
sich vor allem für elektrische und elektronisch vernetzte Fahrzeugteilsysteme
angeben.
Im Anschluß an diese Problemanalyse wird ein Verfahren
vorgestellt, das als Eingabe ein Diagramm eines elektrischen Fahrzeugteilsystems
erhält und daraus automatisch ein Diagnoseprogramm in Gestalt eines
Entscheidungsbaums erzeugt. Das Verfahren benötigt dazu keinerlei
zahlenmäßige Informationen über die einzelnen Bauteile.
Realisiert wird dies durch ein neuartiges, qualitatives Analyseverfahren
für Widerstandsnetzwerke - die sogenannte SPS-Analyse.
Die Beschreibung dieses Analyseverfahrens bildet den
Hauptteil der vorliegenden Arbeit. Die hier entwickelte Analysetechnik
ist für viele modellbasierte Verfahren verwendbar, so zum Beispiel
für die rein modellbasierte Diagnose, für die modellgestützte
Fehlermöglichkeits- und -effektanalyse (FMEA) oder, wie hier beschrieben,
zum Generieren von Entscheidungsbäumen aus vorgegebenen Diagrammen.
Geleitwort des Doktorvaters
Die vorliegende Arbeit befaßt sich mit einem wichtigen
Anwendungsbereich der Informatik, speziell der Künstlichen Intelligenz:
der computer-internen Modellierung und Verhaltensanalyse technischer Systeme
zum Zwecke der Fehlerdiagnose. In Ergänzung zu Diagnosefragestellungen
aus den klassischen Ingenieursdisziplinen, etwa Maschinenbau und Elektrotechnik,
ist hier die algorithmische Realisierung das Thema. Dabei spielt der Anwendungshintergrund
eine wichtige Rolle. Was wird überhaupt in der Praxis gebraucht? Wo
liegen Probleme, wenn man wirtschaftliche Aspekte berücksichtigt -
z.B. Erstellungskosten für Diagnosesysteme?
Die Arbeit trägt dieser Anwendungsorientierung bereits
durch die äußeren Umstände ihrer Entstehung in deutlicher
Weise Rechnung. Sie ist im wesentlichen in der Forschungsabteilung eines
Industrieunternehmens entstanden, in dem Erfordernisse der Anwendungsseite
aus erster Hand bekannt waren. Gleichzeitig trug die Anbindung an das Labor
für Künstliche Intelligenz an der Universität Hamburg zu
einer Fokussierung auf wissenschaftliche Aspekte bei.
Das besondere Thema der Arbeit ist die Verhaltensanalyse
von Netzen aus linearen (oder auch stückweise linearen) Bauelementen.
Dazu gehören vor allem Widerstandsnetze. Es scheint symptomatisch
für den zuweilen überraschend großen Abstand zwischen physikalisch-technischem
Wissen und seiner Verwendbarkeit, daß die für eine Erstellung
von Diagnosesystemen erforderlichen Berechnungsverfahren trotz Ohm´schen
Gesetzes und Kirchhoff´scher Gesetze nicht den Bedarf befriedigen
und Raum für promotionswürdige Forschungsergebnisse lassen. Gleichzeitig
verdeutlicht die Arbeit, daß Widerstandsnetze keineswegs nur elektrische
Phänomene beschreiben sondern auch völlig analoge Zusammenhänge
in der Mechanik, Hydraulik, Thermodynamik und anderen physikalischen Bereichen
abdecken.
Kern der Arbeit ist das vom Autor entwickelte SPS-Verfahren
zur Analyse von Widerstandsnetzen. Das Verfahren erlaubt die schrittweise
Reduktion eines Widerstandsnetzes auf einen Ersatzwiderstand, wobei Stern-Dreickeck-Umwandlungen
die bekannte Serien-Parallel-Umwandlung ergänzen. Die Transformationsschritte
sind nicht eigentlich neu, sie induzieren jedoch ein Berechnungsverfahren,
das ein entscheidendes Problem der bisher bekannten Berechnungsmethoden
überwindet: die Notwendigkeit einer strukturellen Schaltungsanalyse
und die dadurch verbaute Möglichkeit eines auf lokaler Wertepropagation
beruhenden Berechnungsverfahrens. Der Autor zeigt zahlreiche Interpretations-
und Verwendungsmöglichkeiten der SPS-Reduktion auf. Er stellt wissenschaftlich
wertvolle Verbindungen zu verwandten Ansätzen (z.B. der Bondgraph-Analyse)
her und entwickelt Varianten seines Verfahrens für verschiedene Anwendungssituationen.
Unter dem Strich steht nun ein ganzes Bündel von Verfahren zur modellbasierten
Analyse von linearen Netzen zur Verfügung, mit dem ein substantieller
Fortschritt im Bereich der Diagnosesystementwicklung erreicht werden kann.
Die vorliegende Dissertation entstand 1994-96 im Rahmen
des Doktorandenprogramms der Daimler-Benz AG im Forschungsinstitut Mercedes-Benz,
Abteilung F1M/EK - Konfiguration und Diagnose. Mein erster Dank gilt Herrn
Dipl.-Ing. Thomas Forchert, der als Abteilungsleiter diese Arbeit möglich
gemacht und großzügig gefördert hat. Mein Dank geht außerdem
an alle Mitarbeiter, Diplomanden und Praktikanten der Abteilung, die mich
nach Kräften unterstützt haben. Besonders erwähnen möchte
ich hier die Mitarbeiter des Diagnoseteams Andreas Heinzelmann, Jürgen
Luka, Bernd Rehfus und Peter Spiegel, deren fachliche Unterstützung
mir sehr geholfen hat. Zu danken habe ich auch den Mitarbeitern der Mercedes-Benz
Servicebereiche in VSE und den Ingenieuren der Automatgetriebeentwicklung
EP/MTS, die mich bei den Recherchen zur Werkstattdiagnose unterstützten
und mir meine Fragen geduldig beantwortet haben.
Ganz besonders bedanken möchte ich mich bei den
Herren Kang Xu und Olaf Renz, die im Rahmen von zwei Diplomarbeiten wesentliche
Teile der hier vorgestellten Verfahren mit großem Engagement implementiert
haben. Mein Dank gilt außerdem Herrn Prof. Dr. Roller und Herrn Prof.
Dr. Lehmann von der Universität Stuttgart, Fachbereich Informatik,
die diese Universitäts-externen Diplomarbeiten ermöglichten und
als Prüfer betreut haben.
Bedanken möchte ich mich auch bei Herrn Dr. habil.
Peter Struss von der TU München, der so freundlich war, eine vorläufige
Fassung dieser Arbeit zu kommentieren. Auch die Mitglieder der Münchener
Arbeitsgruppe Modellbasierte Systeme und qualitatives Schließen,
Ulli Heller, Andreas Malik und Martin Sachenbacher haben mich in der Endphase
dieser Arbeit sehr unterstützt.
Meine ersten Erfahrungen auf dem Gebiet der technischen
Diagnose verdanke ich der kurzen, aber sehr lehrreichen und interessanten
Zeit 1992-93 als Mitarbeiter im Labor für Künstliche Intelligenz
LKI der Universität Hamburg. Mein größter Dank geht daher
an den Gründer und Leiter des LKI, meinen Doktorvater Herrn Prof.
Dr. Bernd Neumann, der diese Arbeit initiiert und drei Jahre lang fachlich
begleitet hat.
Inhaltsverzeichnis
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EINFÜHRUNG ......................................................................................................
FAHRZEUGDIAGNOSE IN DER WERKSTATT ............................................. Das Werkstattdiagnose-Szenario ............................................................................... Typische Fehlerfälle in der Werkstattdiagnose ............................................................ Elektrikfehler: Aktoransteuerung ................................................................................ Vernetzte Steuergeräte: Fahrzeug schaltet in der Kurve............................................... Hydraulikfehler: Rutschendes Getriebe ...................................................................... Unscharfe Symptome: Schlechte Schaltqualität............................................................ Folgerungen für Diagnoseassistenzsysteme ................................................................. Leistungsumfang eines Diagnoseassistenzsystems ........................................................ Forschungsbedarf zur Realisierung eines DAS ............................................................ Diagnoseverfahren für ein DAS .................................................................................. Entscheidungsbäume .................................................................................................. Fehlerbäume ............................................................................................................. Modelle ................................................................................................................... Weitere Verfahren .................................................................................................... Anforderungskatalog für Verfahren zur Werkstattdiagnose ......................................... Bewertung der Verfahren hinsichtlich ihrer Eignung für die Werkstattdiagnose ............ Modellbasierte Diagnoseverfahren ............................................................................ Diagnose mit Entscheidungsbäumen .......................................................................... Diagnose mit Fehlerbäumen ..................................................................................... Zusammenfassung .................................................................................................... MODELLIERUNG MIT WIDERSTANDSNETZWERKEN .......................... SPS-Analyse von Widerstandsnetzwerken ............................................................... Definitionen .............................................................................................................. Ersetzungsoperationen auf Graphen .......................................................................... Ein Algorithmus zur SPS-Analyse ............................................................................ Verbesserungen ........................................................................................................ Interpretation von SPS-Bäumen ................................................................................ SPS-Bäume ............................................................................................................. Gleichstrominterpretation von SPS-Bäumen .............................................................. Andere Interpretationen von SPS-Bäumen ................................................................ SPS-Analyse von RLC-Netzwerken ......................................................................... SPS-Analyse hydraulischer und mechanischer Systeme .............................................. SPS-Bäume und Bondgraphen ................................................................................. Kurzeinführung: Modellierung mit Bondgraphen ......................................................... Vergleich mit SPS-Bäumen ....................................................................................... Qualitative Analyse von Gleichstromschaltungen ........................................................ Qualitative Relationen ................................................................................................ Ein Algorithmus zum Auswerten von SPS-Analysen ................................................... Probleme und Grenzen der qualitativen Analyse ......................................................... Modellierung von Meßgeräten ................................................................................... Erweiterungen ........................................................................................................... SPS-Analyse in wechselnden topologischen Situationen ............................................. SPS-Bäume als Abstraktionshierarchien .................................................................... Behandlung beliebig vieler Quellen ............................................................................. Verstärker als negative Widerstände ......................................................................... Transformer und Gyratoren ....................................................................................... Kontinuierliche Dynamik: Energiespeichernde Elemente .............................................. Diskretisierte Dynamik: Zustände und Zustandsübergänge .......................................... Analyse stückweise linearer Systeme ......................................................................... Störungsanalyse mit Größenordungs- und Relativbeschreibungen ............................... Zusammenfassung ..................................................................................................... ALTERNATIVE ANALYSEVERFAHREN ........................................................ Qualitative Analyseverfahren ..................................................................................... Lokale Analyse durch Propagieren von Strom- und Spannungswerten ....................... Qualitative Analyse durch getrenntes Betrachten alternativer Werte ............................ Qualitative Analyse durch Betrachten aller Pfade von der Quelle zur Senke ................. Lokale qualitative Analyse durch Propagieren topologischer Information ..................... Globale qualitative Analyse durch Betrachten kürzester Pfade .................................... Qualitative Analyse durch Aufzählen kreisfreier Digraphen ......................................... Numerische Analyseverfahren ................................................................................... Analyse mit Leerlaufersatzschaltungen ....................................................................... Maschenanalyse mit dem Gaußverfahren ................................................................... Knotenanalyse mit dem Gaußverfahren ..................................................................... Symbolische Analyseverfahren ................................................................................. Dünn besetzte Matrizen und die Cramer’sche Regel .................................................. Topologische Determinantenformel nach Coates ........................................................ Vergleich der vorgestellten Analyseverfahren ............................................................. Zusammenfassung ..................................................................................................... MODELLGESTÜTZTE ENTSCHEIDUNGSBAUMENTWICKLUNG .......... Flache Modelle zur Spezifikation von Diagnoseproblemen ......................................... Ableiten von Fehlertabellen aus tiefen Modellen ......................................................... Parallele Modellanalyse mit SPS-Bäumen .................................................................. Ableiten von Entscheidungsbäumen aus Fehlertabellen ............................................... Bestimmung eines besten Meßpunkts ......................................................................... Vollständigkeit des Verfahrens .................................................................................. Implementierung: Das Diagnose-Entwicklungssystem DES ......................................... Das Variantenproblem: Parametrisierung von Entscheidungsbäumen ........................... Zusammenfassung ..................................................................................................... AUSBLICK ............................................................................................................ LITERATUR ......................................................................................................... ANHANG................................................................................................................ Kurzportraits industrieller Diagnosesysteme ................................................................ Abbildungsnachweis .................................................................................................. Lebenslauf ................................................................................................................ |
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